Bericht von einer Wasserschlacht im Rahmen der '98er
"Attacke Royal"-Tour
am 03.09.98 im Xantener "Amphitheater"
VON WOLFGANG GREBE:

Oberhausen, 17.40 Uhr, wir fahren
zu viert (Ilka, Sandra, Yvonne und ich) ab in Richtung Xanten, habensozusagen
70 km vor der Nase. Staus gab's erst in Xanten selber - irgendwiewollte
wohl jeder zum Konzert und wir verloren wertvolle Minuten. Gegen19.00 Uhr
waren wir dann da, und zwei von uns tauschten noch fix die Tribünenkartengegen
Stehplätze, bevor wir dann die letzten paar Lieder der Vorgruppeaus
der Nähe mitbekommen (u.a. eine sehr schöne Paint-It-Black-Version).
Pfützen
säumen denPlatz, noch ist es trocken, aber während der Umbaupause
beginnt es zu nieseln, was zunächst erträglich schien. Schließlich
kennt man das ja..:"Das hört sicher gleich wieder auf..."
Dem war aber leider nicht so. Es regnete und die Wolken wollten sich für
kein Geld der Welt dazu überreden lassen, sich zu verdrücken.
(An dieser Stelle sei angemerkt, daß DÄ nachher NICHT "Wann
kommt die Flut?..." gespielt hatten... obwohl es gepaßt hätte.)
Na, was soll's, dachten wir uns - Schlamm und Matsch ist egal - und wir
werden schon nicht daran zugrunde gehen. So gegen 20.00 Uhr war das dann
so weit: Die Ärzte kamen auf die Bühne, und nach einem etwas
holprigen Anfang (war das Absicht oder Unvermögen?? Das weiß
man bei DÄ nie so genau..) mit "Ein Lied für Dich"
kam sofort der Schunder-Song und Angeber. Mit Angeber (bzw. dem Anfang)
war dann auch das A-capella-Sahnestück des Abends schon verbraucht.
Schade, ich hätte gerne noch etwas mehr reine Vokalarrangements gehört.
Inzwischen hat es richtig
zu schütten begonnen, die ersten fetten Tropfen tropften vom Schirm
meiner Mütze, und auf der Tribüne sah man hektisch einige hundert
Regenschirme sich öffnen - ein urkomisches Bild. Dämlicherweise
schlucken Wolken auch Licht, und die um halb neun eigenlich für meine
Kamera noch ausreichende Beleuchtung (mit ein Grund, warum ich überhaupt
dahin gegangen bin: frühestes Open-Air (jahreszeitlich) in meiner
Nähe) war dann doch nicht mehr genug, und so sind die Schüsse
recht düster geworden. Dumm gelaufen, aber so war's dann eben..
Zunächst waren die Jungs aus Norddeutschland noch recht nervös,
sprachen wenig und zockten die Songs runter. Der Knoten in der Brust (wer
macht denn so'n Blödsinn?? ;-D) löste sich aber bald und schon
wurde verbal geschossen. Farin:"In Augenblicken höchster Extase,
in Augenblicken tiefster Liebe, da sagt Bela oft so Sachen wie "HEY"."
Bela:"Im Hotel hat Farin meist ein Zimmer neben mir und er kann oft
die ganze Nacht nicht schlafen vom vielen "Hey, hey"-Gerufe."
Farin:"Manchmal haben wir sogar dasselbe Zimmer, dann wird's noch
schlimmer."... Damit begann das Grauen und das "hey" wurde
zum Running-Gag und wurde auch gerne mal in Songs eingebaut:"Wir singen
hier ein schönes HEY, 100%ig jugendfrei, kein Wort von HEY oder Gewalt...."
Aber auch sonst wurde
viel an Texten geändert:"Es fing alles ganz harmlos mit Arschficken
an, ich war immer der reichste, weil ich immerzu gewann".. oder .."ich
scheiße auf Tornados, ich scheiße auch auf Eiskrem.."..
auch die Jenny-Elvers-Bravo-Hetz-Kampagne wurde indirekt in "Madonnas
Dickdarm" eingebaut:"Ich möchte nie mehr ein Model treffen,
was sich in mich verliebt". Ebenso fanden aktuelle Ereignisse (hier
der Ausraster von M. Schuhmacher) Eingang in die Texte. Der Mittelteil
von Schopenhauer lautete nun "Hau zu, lieber Michael Schuh-macher,
schlag zu, lieber Michael...". Ach herrje, wenn ich alles behalten
hätte.. ist auch wurscht, jedenfalls kam die Laune auf, und das nicht
zuletzt wegen der Sprüche und Textänderungen.
Dann machte Farin aber den Fehler und versuchte sich am Bass bei "Rod
loves you". Falsettgesang ist sowieso schon schwierig, und dann bei
dieser minimalistischen Instrumentierung... noch dazu hat Farin entweder
ein anderes Lied oder in einer anderen Tonart gespielt - jedenfalls klang
das sowas von schräg, daß er selber ein Einsehen hatte und meinte
"Sorry, war'n Versuch" und das Lied abbrach. Während dieser
Phase des Konzertes regnete es ganz solide und beständig - jaja, der
deutsche Perfektionismus - und inzwischen kroch mir das feuchte Nass in
die Unterwäsche... (meine Lederjacke kann man erst seit heute - vier
Tage später - wieder als "trocken" bezeichnen). Während
hier Rod die Gitarre spielte (1/2 Lovesong, Vermissen Baby, Goldenes Handwerk,
Liebe und Schmerz u.a.) blieb Farin am Bass und ich war ehrlich erstaunt,
als er einen zauberhaft-jazzigen Lauf beim Übergang vom G.H. zum Liebe
und Schmerz hinzauberte.
Leider kamen die alten
Songs ein wenig zu kurz.. vom neuen Album wurde alles gespielt bis auf
"Punk ist", "Grau", "Nie gesagt", "Der
Infant", "Grotesksong" und "Sie war eine Lady".
Den 3-Tage-Bart habe ich vermißt, ebenso "Ich bin reich"
- ein sehr geiles Teil.. und viele alte Kracher blieben nur ansatzweise
im Medley verborgen, daß es aber in sich hatte: Bonnie & Clyde
von den Hosen, Frozen von Madonna, Diana und Teenager in Love von Paul
Anka.. zu guter Letzt Westerland. Sehr eigentümlich die Motown-Breakbeat-8/8-Slowrock-Version
von Männer-sind-Schweine.
Wofür ich die Ärzte liebe: "Ich weiß nicht, ob das
Liebe ist" mit 2-Minuten-Outro, improvisierten Soli und 1/4-Takt-Einschüben..
bei diesem Stück lief mir die Nässe durchs Gesicht, es schüttete
ohne Ende und ein sehr lieber Mensch wischte mir die Tropfen aus dem Gesicht..
Romantik pur auf nem Ä-Konzert.. sowas kann man nicht erzählen,
das muß man erleben.. ;-D
Das Schlußlicht als absoluter HEY-Punkt... äääh...
Höhepunkt war dann noch "Zu spät" wo selbst die hartgesottensten
Nicht-Tänzer, Nicht-Mitsinger und Nicht-Klatscher zu ungeahnter Form
aufliefen und die letzten noch verbleibenden Pfützen kaputttrampelten.
Gottseidank war es nicht sehr kalt, so daß die Nässe erträglich
war, wenngleich sie sich inzwischen auf jeden Quadratzentimeter meiner
Haut vorgeschummelt hatte. Zufrieden war ich trotzdem - eine Menge Spaß,
viel gehört und gestaunt und das macht einem so etwas nichts aus.
Auch nicht, daß Farin nun eine neue Frisur hatte (das altbekannte
blond - nachdem er ja zwischendurch rot, blau und grün probiert hatte).
Bela war mit erstaunlich kleinem Set erschienen (drei oder vier Becken,
drei Toms, Bassdrum, Hihat, Snare und zwei Kuhglocken) und auch Rod spielte
nur auf einem einzigen Bass. Warf dafür aber etwa 200 Plektren.
Von den vier Konzerten, die ich bisher erlebt habe (Essen 1995, D-Dorf
1996, Essen 1997 und jetzt Xanten 1998) war es der bisher beste Gig. Sehr
nobel: die Jungs haben uns applaudiert, daß wir es so lange im Regen
ausgehalten haben und trotzdem so abfeiern konnten. Echt edel!
Piepen im Ohr, feucht im Schritt, aber Ärzte.
Schön.
(Fotos und Text (c) by DocWölle)
MG.Rickers, 24.09.98